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Dr. Walter Rein: "Adam Ries
der weltberühmte Rechenmeister aus Staffelstein"
| Herr Dr. Walter Rein verfasste diesen Text zum Leben und
Schaffen des Rechenmeisters Adam Ries, dem wir das geflügelte Wort
"macht nach Adam Riese" zu verdanken haben, für die Festschrift
anlässlich des Jubiläums "850 Jahre Stadtund Marktrecht für
Staffelstein".. |
| Staffelstein blickt in Freude über
die ihm vor 850 Jahren verliehenen kaiserlichen Privilegien auf seine wechselvolle
Vergangenheit zurück, stolz wird es sich hierbei bewußt, daß
so mancher berühmte Mann innerhalb seiner Mauern das Licht der Welt
erblickte. Es seien hier beispielsweise nur einige Namen ganannt: MagisterJohannes
von Staffelstein (geb. 1380; er war Universitätslehrer und Prokurator
der Rechtssachen des Regensburger Konsistoriums), Pater Andreas Lang (geb.
1483; er war der wohl bedeutendste Abt im Bamberger Benediktinerkloster
auf dem Michelsberg, er war auch literarisch tätig), Johann Jakob Joseph
Sündermahler (geb. 1711; er war Professor der Rechte, Hofrat und Geheimrat
zu Würzburg, Verfasser von 19 Schriften in lateinischer Sprache) und
der spätere Augsburger Bischof Pankraz Dinkel (geb. 1811 im Gasthof
"Drei Kronen", sein weithin bekanntes pastorales Wirken sowie seine Verdienste
auf dem Gebiet des Unterrichtswesens, der Schulgesetzgebung und der Förderung
des kirchlichen Volksgesangs machten ihn ebenso berühmt wie seine bedeutenden
Predigten und Hirtenbriefe, er wurde durch viele weltliche und kirchliche
Ehrungen ausgezeichnet). Diese Namen sagen freilich auch den meisten Einheimischen
heute nur noch wenig, obgleich sich hinter ihnen wie vorstehend nur kurz
angedeutet - vortreffliche Staffelsteiner Männer verbergen. Einer jedoch
überragt sie alle an Berühmtheit und Volkstümlichkeit, und
zwar über die Grenzen unseres Städtchens, ja unserer deutschen
Heimat hinaus: Adam Ries. |
Er sollte der bedeutendste und wirksamste
deutsche Rechenmeister werden, in gleicher Weise bekannt als Verfasser zahlreicher
Werke wie als Lehrer der alten und neuen Rechenmethoden einschließlich
der Algebra. Obgleich bis heute geradezu sprichwörtlich in aller Munde -
"macht nach Adam Ries(e). . ." - wissen doch die wenigsten etwas Näheres
über den Werdegang und die Persönlichkeit des populärsten
Rechenmeisters und genialen Förderers des tech-nischen und wirtschaftlichen
Rechnens. Adam Ries(daneben auch Rieß, Riess, Riß, Rys u.ä.;
fälschlich, jedoch volkstümlich auch Riese - so bezeichnete sich
der Meister selbst jedoch nie!) wurde im Jahre 1492 geboren, also in einer
erregenden Epoche des Fortschritts und des allgemeinen Umbruchs, im Jahr
der Entdeckung Amerikas, als das Mittelalter gerade endete und die Neuzeit
begann. Geburt und Tod des Rechenmeisters liegen noch weitgehend im Dunkel.
Sogar über seine Vaterstadt waren sich die Gelehrten eine Zeitlang
uneinig. Nicht weniger als fünf Orte stritten um die hohe Ehre, Adam
Ries als ihren Sohn bezeichnen zu dürfen, nämlich Annaberg, Lichtenfels,
Staffelstein, Zwickau und Zwönitz. Der Streit erscheint uns heute nicht
mehr recht verständlich, da sich der Meister in verschiedenen seiner
Werke selbst als "Adam Ries von Staffelstein" bezeichnet hat. Durch eingehende
Quellenforschung ist belegt, daß "von Staffelstein" nicht etwa einen
Adelszusatz bedeutet, sondern - wie seinerzeit üblich - eine nähere
Bezeichnung des Namensträgers nach seinem Geburtsort. |
| Die Eltern des Rechenmeisters, Contz
Rieß und dessen zweite Ehefrau Eva, waren Staffelsteiner Bürger;
die Familie Rieß ist schon für das Jahr 1425 als hier ansässig
nachgewiesen. Sein Vater - wahrscheinlich Besitzer einer Mühle, im
Jahre 1504 als Staffelsteiner Gerichtsschöffe erwähnt - verstarb,
als Adam gerade 14 Jahre alt war, seine Mutter hingegen überlebte
er selbst nur kurz (beide verstar ben im Jahre 1559). Wo das Geburtshaus
des Rechenmeisters stand, kann man nur vermuten: entweder war es das seinem
Vater Contz Rieß gehörende Haus vor dem Unteren Tor - eine Rieß'sche
Mühle lag dort an der Lauter - oder es war dessen "steinernes Haus
am Markt", das gegenüber dem Rathaus gelegen beim Stadtbrand von 1684
zerstört und anschließend als Fachwerkhaus wieder errichtet
wurde; letzteres stand wohl im Bereich der Häuser vom heutigen Kaufhaus
Müller bis zur Gastwirtschaft "Drei Kronen" (einschließlich!)
in der Bahnhofstraße. Auch Adam Rieses genaues Geburtsdatum kennen
wir nicht, da für Staffelstein keine Taufregister des 15. Jahrhunderts
mehr vorhanden sind. Nur das Geburtsjahrnämlich 1492 - ist einwandfrei gesichert, insbesondere durch sein mehrfach gedrucktes Holzschnittporträt,
das sich zuerst auf dem Titelblatt seines wichtigsten - in einem Exemplar
auch im Staffelsteiner Heimatmuseum vorhandenen - Rechenbuchs, der "Practica",
findet und das die Umschrift "ANNO 1550 ADAM RIES SEINS ALTERS IM LVIII"
trägt. Hieraus kann ohne weiteres auf das Geburtsjahr geschlossen
werden. Der genaue Geburtstag ist freilich nicht belegt; meist nimmt die
Überlieferung den 12. April an.
Auch über Adams Jugend wissen wir nur wenig. Er wuchs in Staffelstein
mit drei Vollgeschwistern und drei |
Stiefgeschwistern auf. Hier besuchte
er die Elementarschule und danach vermutlich ei ne Lateinschule. Es ist
freilich nicht sicher, ob schon um 1500 die Stäffelsteiner Lateinschule
existierte; teilweise wird deshalb angenommen, daß ein hiesiger Geistlicher
den jungen Ries in Latein unterrichtet habe. Möglicherweise hat dieser
aber - ähnlich wie später sein Bruder Conrad - die weithin berühmte
Zwickauer Lateinschule besucht. Der Rechenmeister beherrschte jedenfalls
die lateinische Sprache, kannte antike Schriftsteller und Philosophen, übertrug
lateinische Mathematikbücher und Exempel ins Deutsche und wußte
um Dinge, die man - zumal zu seinerzeitkeineswegs als Allgemeingut voraussetzen
darf. Wie und wo er sich seine Kenntnisse aneignete, ist letztlich ungeklärt.
Wir wissen auch nicht, wann und wie Adam Ries Rechenmeister wurde; an sich
setzte dies eine sechsjährige Lehrzeit voraus, aber auch begabten Autodidakten
und Studenten gelang es zuweilen, eine Rechenschule zu eröffnen.
Bis heute ließ sich kein Universitätsstudium des Rechenmeisters
nachweisen, ganz im Gegensatz zu verschiedenen seiner Verwandten, die in
Matrikeln inund ausländischer Universitäten auftauchen. Mag
manches für ein solches Studium sprechen, mehr spricht meines Erachtens
dagegen: die Wahl des Stoffes und die Art und Weise, wie Adam Ries in seinen
durchwegs deutschsprachigen Büchern die Rechenkunst darstellte, legen
den Schluß nahe, daß er kein gelehrter "Magister" oder "Arith
meticus", sondern - wie er sich selbst bezeichnete - ein Rechenmeister,
ein volkstümlicher und dazu noch außergewöhnlich begabter
"Hand werker" im Reiche der Zahlen war. |
| Im Jahre 1509 begegnen wir dem heranwachsenden
Ries in Zwickau.Vermutlich hielt er sich bei Verwandten auf. Jedenfalls
wohnten dort seinerzeit Träger seines Namens. Wielange er in Zwickau
lebte, wissen wir nicht; vielleicht ist er schon bald wieder weiter gezogen.
Damals führten junge Rechenmeister oft eine Art Wanderleben, solange
sie keine feste Anstellung und noch keine eigene Rechenschule besaßen.
Ähnlich wie bei den Ärzten jener Zeit, die auf Jahrmärkten
und Messen ihre Kunst ausübten, schlugen dort auch die Rechenmeister
ihre Rechenbank auf und boten ihre Dienste an. Auf diese Weise soll Adam
Ries 1514 nach Frankfurt am Main gekommen sein. Durch seine Rechenkunststücke
habe der "Zahlenhexer auf dem Römerberg" die gesamte Kaufmannschaft
und alle Messebesucher in Erstaunen gesetzt; schon damals soll auch die
Redensart, "nach Adam Ries"geprägt worden sein. Wann und wo dieses
geflügelte Wort tatsächlich entstanden ist, läßt sich
jedoch kaum mehr klären. Auf seiner Wanderschaft gelangte der Rechenmeister
im Jahre 1515 auch nach Annaberg im Erzgebirge, das erst 1496 gegründet
worden war, in seine spätere zweite Heimat. In seiner Coß (=
Lehrbuch der Algebra) berichtet er selbst: "hab die (Exempel) gerechent
und durch die Coß volfuret in beisein Hansen Conrads anno 1515, so
dise Zeit auff St. Annabergk Probirer was". Wahrscheinlich hielt sich Adam
Ries in dieser aufstrebenden Bergwerkstadt, "des Deutschen Reiches Silberkammer",
längere Zeit auf, möglicherweise auf Anraten des Rektors der dortigen
Lateinschule, des Staffelsteiners Andreas Weidner. Die Technik des Bergbaus,
des Schmelzens, Legierens und Prüfens von Metallen bot nicht nur eine
Fülle von Arbeit f'ür einen Rechenmeister, sondern vermochte einem
wissendurstigen Mann von Rieses Schlag auch eine Menge interessanter praktischer
Kenntnisse zu vermitteln. Ab 1517 lebte der Rechenmeister in Erfurt. Dort
eröffnete er eine Rechenschule, die - wie damals üblich - nicht
nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen besucht wurde, und gab 1518
sein erstes Rechenbuch heraus: "Rechnung auff der linihen, gemacht durch
Adam Riesen vonn Staffelstein. " Rechnung auf den Linien bedeutete dieseinerzeit
noch allgemein verbreitete Methode des Rechnens auf dem Rechenbrett mit
Rechenpfennigen. Sein im Jahr 1522 ebenfalls in Erfurt erschienenes zweites
Rechenbuch, das ihn als "Rechenmeyster zu Erffurt" bezeichnet, befaßte
sich |
Holzschnitt aus dem "Kleinen Rechenbuch", Frankfurt
1574
daneben bereits mit der neu aufgekommenen Rechenmethode
des schriftlichen Rechnens, der "Rechnung auf der Feder" Dieses sogenannte
kleine Rechenbuch erreichte schon zu seinen Lebzeiten 38 und nach seinem
Tod noch weitere 52 Auflagen; das Staffelsteiner Heimatmuseum besitzt
eine im Jahr 1574 zu Frankfurt erschienene Ausgabe hiervon. (siehe o.)
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In diesen Jahren schrieb Ries auch
das wohl nie gedruckte Büchlein über;die "Beschickung des Tiegels"
'das als Fachbuch für "Bergingenieure", Münzer, Probierer und
Goldschmiede gedacht war. Es liegt nahe, daß Adam Ries schon damals
in den Bergwerken die Stelle eines technischen Beraters, Kalkulators oder
eventuell eines Buchführers innehatte und das Werk auf Grund eigener
praktischer Erfahrungen schrieb, um einem allgemeinen Bedürfnis nach
guten derartigen Anleitungen nachzukommen. DieVeröffentlichung scheiterte
vermutlich an den hohen, seinerzeit durch den Autor selbst aufzubringenden
Papier, Druckund Buchbinderkosten. Im Jahre 1523 übersiedelte Adam
Ries von Erfurt nach Annaberg, wo er sich endgültig niederließ;
aus welchen Gründen dies geschah, ist unbekannt. Er selbst bemerkt
in seiner Coß, daß er im folgen-den Jahr Hans von Elterlein,
einen 11-jährigen Annaberger Knaben, in der Algebra unterwiesen habe.
Ries soll schon 1524 in der Buchhalterei des Bergamts beschäftigt gewesen
sein und daneben eine weitberühmte private Rechenschule unter-halten
haben, die auch von auswärtigen Schülern besucht wurde und die
ihm gewiß manche Anreg-ung für seine Rechenbücher gegeben
hat. Die im Jahre 1525 herausgekommene zweite Auflage seiner Rechenbücher
trägt schon die Nachschrift: "Datum auff Sanct Annaberg, Dienstag nach
Martini. Im Jar MDXW". Seinen Willen, in Annaberg seßhaft zu bleiben,
machte Adam Ries 1525 nach seiner Heirat mit Anna, einer Tochter des Freiberger
Lewber, deutlich, indem er dort ein Haus erwarb und durch Ablegen des Annaberger
Bürgereides Vollbürger wurde. Im gleichen Jahr erfolgte seine
Ernennung zum herzoglichen Rezeßschreiber. Im Gegensatz zu den Knappen,
den"Bergleuten vom Leder", war er hiermit beamteter "Bergmann von der Feder"
geworden. Als solcher hatte er gewissenhaft eine ehrenvolle Tätigkeit
zu verrichten:
Von 1529 bis 1537 versah er daneben das Rezeßschreiberamt der erst
1521 gegründeten Schwesterstadt Marienberg. Im Jahre 1532 wurde Adam
Ries auch herzoglicher Berg und Gegenschreiber. Ins Gegenbuch wurden die
Gewerken |
er mußte die Rechnungen der Bergwerke
prüfen, die Fündigkeit der einzelnen Gruben überwachen
und über die Ausbeute der verschiedenen Gesteinsschichten Buch
führen.
Die Handschrift des Rechenmeisters, Coß,
Manuskript von 1524
mit ihren verschiedenen Kuxen (= Grubenanteile, Aktien)
eingetragen, um überhand-nehmende Kuxbetrügereien zu verhindern.
Diese Tätig-keit verlangte einen besonders verantwortungsbewußt-en
Beamten; nach der Annaberger Bergordnung haftete er persönlich für
alle Schäden, wenn er "durch seine Unvorsichtigkeit jemand betrogen
oder in Schaden geführt" hätte. Schließlich diente der
Rechenmeister auch als "Zehntner uffm Geyher" der Obrigkeit. Die
von ihm in seinen Rechenschulen und Büchern populär gemachten
indisch - arabischen Zahlen, die erst ein übersichtliches und schnelles
Rechnen ermöglichten, durfte er
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| als Beamter freilich nicht verwenden,
im Amtsbereich wurden weiterhin die althergebrachten römischen Ziffern gebraucht, da man diese für fälschungssicherer hielt. Wegen seiner hohen Verdienste wurde Adam Ries im Jahre 1539 zum herzog lichen-Hofarithmeticus ernannt,
ein ehrenvoller Titel, den der Meister jedoch - soweit bekannt - nicht geführt
hat, wohl ein Zeichen seiner bescheidenen Grundhaltung. Der vielbeschäftigte Mann diente mit seiner
Kunst aber auch wiederholt dem Rat der Stadt Annaberg. So wurde er in Vormundschaftsund Nachlaßsachen bei größeren oder verwickelten Vermögensverhältnissen, jedoch auch zur Lösung von Besteuerungsfrage herange-zogen. Besondere Erwähnung gebührt der im Jahre
1533 verfaßten Brotsatzung, ein Tabellenwerk, in dem festgelegt wurde,
wie die Bäcker bei Veränd-erungen des Getreidepreises diese Wertschwankungen auf das jeweilige Brot-gewicht (nicht etwa auf den Preis!) umlegen
durften. Auf diese Weise wollte man den häufigen "Brotkrawallen" aus dem
Wege gehen. Voraus gegangen waren viele Besprech-ungen
des Meisters mit den Betroffenen sowie Backproben unter der Aufsicht des
Rats. Andere Städte wurden durch das Beispiel Annabergs an-geregt,
und so wird er auch von der Stadt Zwickau gebeten,eine ähnliche Brotsatzungstafel
auszuarbeiten. Schon zu Lebzeiten weithin berühmt und geachtet wurde
Adam Ries nicht zuletzt wegen dieser Arbeiten, die seinem Drang entsprangen,
allen Ge rechtigkeit angedeihen zu lassen, auch den Kleinbürgern und.Ungebildeten,
die bei der verwirrenden Viel-falt des damaligen Münzund Maßwesens
allzu leicht Opfer eines Betrügers wurden. Aus diesem Grunde kämpfte
er auch nachhaltig auf der Seite seines Herzogs gegen die in der benachbarten
Münzstätte Buchholz praktizierte Münzverringerung und trat
unter der Bedingung, daß eine überall gleiche Ausmünzung
gesichert sei, für einen einheitlichen Reichmünzfuß ein. |
Auch als Geometer und Feldmesser hat sich der vielseitige
Mann betätigt. Bei den seinerzeit häufigen größeren und kleineren Gebietsveränderungen, den erforderlichen
Abgrenzungen von Bergwerks, Jagdund Fischereirevieren dürfte es
insoweit an Arbeit nie gemangelt haben. In seiner Coß bot der Rechenmeister
zu mehreren Aufgaben geometrische Lösungen und Proben. Von seiner
Fertigkeit auch auf diesem Gebiet zeugt folgende überlieferte Begebenheit:
Ein "lngenieur" trug, um sich als Meister der Geometrie auszuweisen, stolz
einen silbernen Zirkel auf dem Hut. Ries ging mit ihm eine Wette ein,
wem von ihnen es gelänge, in kürzester Zeit die größere
Zahl rechter Winkel zu zeichnen. Ehe der "Ingenieur" mit seinen zeitraubenden
Vorbereitungen fertig wurde, auf eine gerade Linie eine andere senkrecht
zu errichten, hatte sein Gegner schon mehrere rechte Winkel in den Halbkreis
(unter Anwendung des "Satzes des Thales") eingezeichnet.
Dank seiner Tüchtigkeit war der angesehene Rechen meister
auch zu einem bescheid enen äußeren Wohlstand gelangt. Im Jahre
1539 konn te er in der Nähe der Stadt ein Vorwerk, die spätere
Riesenburg, auf Raten erwerben. Dort lebte er mit sein er Frau Anna, die
ihm (zumindest) acht Kinder schenkte, fünf Söhne und drei Töchter.
Man darf annehmen, daß in all den Jahren auch sein Kontakt zur alten
Heimat nicht abriß. Freilich waren seine urkundlich belegten Besuche
in Staffelstein meist nicht nur angenehmer Natur; so führte ihn im
Jahre 1517 ein Erbstreit hierher, während im Jahre 1527 ein kurzer
Aufenthalt in seiner Geburtsstadt durch eine Hausstreitigkeit veranlaßt
wurde. Ob die Familie seiner zweiten Frau - einer Margarete von Itzinger,
die er nach dem Tode seiner Frau Anna zwischen 1545 und 1550 heiratete - aus der hiesigen Gegend stammte (Itzing - Uetzing?!), ist eine vorerst
noch nicht gesicherte Annahme.
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| Im Jahre 1550 endlich konnte des
Meisters größtes und bekanntestes Rechenbuch, die sogenannte
Practica, er scheinen. Ihr voller Titel lautet: "Rechnung nach der lenge,
auff den Linihen und Feder. Darzu forteil und behendigkeit durch die Proportiones,
Practica genant, mit grüntlichem Unterricht des visierens durch Adam
Riesen im 1550. Jar. Cum gratia & privilegio Caesareo" (= mit kaiserlicher
Gnade und Privileg). In diesem klassisch zu nennenden Rechenbuch stellte
Adam Ries seine mathematische Kunsfertigkeit und sein pädagogisches
Geschick am besten und ausführlichsten unter Beweis. An ihm hatte
der Rechenmeister rund dreißig Jahre lang gearbeitet; ein früherer
Druck scheiterte an den hohen hiermit für den Autor verbundenen Kosten.
Aus dem gleichen Grunde ist auch seine schon 1523 begonnene Coß unveröffent-licht
geblieben, an der er noch in seinen letzten Jahren immer wieder revidierte
und ergänzte. Einen bekannten Künstler, der für das Titelblatt
der Practica ein Holzschnitt_ porträt des Rechenmeisters schuf, verdanken
wir es, daß wir uns noch heute einen lebhaften Ein-druck vom Äußeren
des damals 58-jährigen Adam Ries machen können. (Abbildung 3)
Wir dürfen annehmen, daß das - wohl einzige überlieferte - Bildnis ihn weitgehend naturgetreu darstellt; denn es wurde ja noch zu
Lebzeiten des Meisters, gewissermaßen unter seiner Aufsicht, wahrscheinlich sogar in seinem Auftrag geschaffen. Adam Ries ist als kräftiger
Mann mit Vollbart in der typischen Bergmannstracht dargestellt, die auf
seine Tätigkeit als Bergwerksbeamter hinweisen soll. Seine ausgeprägten
Gesichtszüge verraten zugleich Willenskraft, Ernst, Klugheit und Güte.
Das rechts im Bild befindliche Andreaskreuz mit einem Zweierund einem
Viererpaar in seinen Gevierten ist als ein "redendes Wappen" oder Handwerkszeichen anzusprechen; es wird hierdurch auf die geistige Tätigkeit
des Dargestellten als Rechner hingewiesen.
Über dieses Wappen ist schon viel gerätselt worden; denn man
darf davon ausgehen, daß die abgebild-eten Zahlen nicht zufällig
zusammengestellt wurden, sondern auf eine bestimmte Rechenoperation hin-weisen.
Mit Sicherheit sollte aber weder eine bloße Addition (2+2=4) noch
lediglich eine Multiplikation (2x2 = 4) oder gar eine
Potenzierung (22 = 4) dargestellt
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Titelblatt des "Großen Rechenbuchs"
(der "Practica") von 1550
werden; denn an diesen Operationen sind jeweils nur drei
Zahlen beteiligt, während im Wappen deren vier abgebildet sind.
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| Auch das Andreaskreuz hat manchen
Deuter in die Irre geführt, mit ihm wollte Adam Ries bestimmt nicht
auf die überragende Wicht-igkeit des Einmaleins für die Rechenkunst
hinweisen, wenngleich er immer wieder mahnte, das "Kleine Einmaleins" auswendig
zu lernen; denn das Andreaskreuz als Malzeichen kannten Adam Ries und seine
Zeitgenossen noch gar nicht. Auch die anderen heute üblichen Rechensymbole
waren seinerzeit noch nicht gebräuchlich; lediglich in seiner Coß
hat Adam Ries "+ " und"" sowie das von ihm"erfundene" Quadrat wurzelzeichen
als algebraische Symbole verwendet. In diesem Werk finden wir aber auch
die Lösung unserer Frage: im Marienberger Manuskript der Coß
hat der Rechenmeister das Andreaskreuz nämlich als Probekreuz verwendet.
(Vgl. Abbildung 4) Das Wappen bedeutet und ist also eine Neunerprobe, mit
der Adam Ries wohl auf seine Genauigkeit und allgemein auf das Unbestechliche
der Rechenkunst hinweisen wollte. Unter der Neunerprobe versteht man die
Ausnutzung der (zahlentheoretisch leicht nachzu-weisenden) Gegebenheit,
daß bei einer Addition |
zweier Zahlen der Neunerrest aus
der Summe der Neunerreste beider Summanden gleich dem Neunerrest der Summe
sein muß, beziehungsweise daß bei einer Mulitplikationsaufgabe
der Neunerrest des Produktes aus den Neunerresten beider Faktoren gleich
dem Neunerrest des Ergebnisses sein muß. Unter Neunerrest versteht
man hierbei den Rest im üblichen Sinne, der bei Division der Quersumme
einer zu untersuchenden Zahl durch 9 entsteht. In der Coß verfuhr
nun Adam Ries mit Hilfe des Andreaskreuzes, das er der Übersichtlichkeit
halber verwendete, folgendermaßen: Ins linke und rechte Geviert kamen
die Neunerreste beider Summanden (bei Mulitplikation: der Faktoren), ins
obere Feld der Neunerrest der Summe (bei Multiplikation: des Produkts) dieser
Neunerreste, ins untere Geviert wurde schließlich der Neunerrest des
jeweils errechneten Ergebnisses geschrieben. Stimmen die oberen und unteren
Neunerreste nicht überein, so liegt bestimmt ein Rechenfehler vor;
stim-men sie jedoch überein, so ist die Aufgabe mit sehr großer
Wahrscheinlichkeit richtig. |
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| Warum Adam Ries bei Darstellung
der Neunerprobe in seinem Wappen gerade der 2 und der 4 den Vorzug gab,
mag wohl daran liegen, daß er durch diese Zahlen gleichzeitig die
"proba" bei Addition und Multiplikation erfassen konnte ( da 2 + 2 = 4 und
2 x 2 = 4!). Wenn wir nun nach der Bedeutung des Rechenmeisters für
seine Zeit und die nachfolgen-den Jahrhunderte fragen, dann gilt es fein
säuberlich zu unterscheiden, was er war und was er nicht war, insbesondere
was nur auf Legendenbildung über ihn beruht. Um mit letzterem zu beginnen:
Adam Ries hat weder - wie aber oft landläufig angenommen wird - die indisch-arabischen
Ziffern, noch das schriftliche Rechnen oder gar das Einmaleins "erfunden";
er hat auch keine sonstigen ins Auge springenden mathematischen Neuerungen
gebracht. Schließlich ist er auch nicht der erste Verfasser eines
Rechen-buchs, wohl aber der erfolgreichste. Sein schöpfer-isches Verdienst
liegt vor allem darin, daß erdas schonvorhandenewissen mit einem bewunderns-werten
Sinn für das Wesentliche sichtete, ordnete und aufbereitete, daß
er seine in deutscher Sprache abgefaßten Rechenbücher, gestützt
auf das zweck-mäßige indische Stellenwertsystem, in einer einzig-artigen
Didaktik allgemeinverständlich aufbaute und so einer breiten Volksschicht
zugänglich machte, daß er schließlich, wie er selbst sagte,
"nicht von wegen der scharfsinnigen geschrieben", sondern um dem einfachen
Volk, dessen Unkenntnis in den verschiedenen damals üblichen Maßund
Münz-systemen oft schamlos ausgenutzt wurde, zu helfen. In der Widmung
zu seiner Coß betont er: "Für den gemeynen Mann nützlich
habe ich nach gantzem Fleiß gesetzt, damit der arme, gemeine Mann
nicht übersetzt (= betrogen) werde". Seine Lehrbücher zeichnet
Klarheit aus; in Neuauflag-en bemühte er sich stets, "was mangelt,
dunkel oder schwer gewesen, zu bessern und klärlicher und leichter
aufs ordentlichste anzuzeigen". Dem diente auch die konsequente Verwendung
der deutschen Sprache in seinen Büchern; er wurde so mit zum Schrittmacher
der Ausbreitung der deutschen Sprache in wissenschaftlichen Disziplinen.
Nur auf diese Weise konnte er seine Kunst der breiten Bevölkerung wirksam
zugänglich machen; diese Einstellung hatte er aber schon im Marienberger
Manuskript seiner Coß im Jahre 1524 kundgetan: "Das pfunt, so mir
got vorlihenn, meynen nechsten gütlich mitzuteylen". Im übrigen
fühlte sich Adam Ries durch und durch als Deutscher und verschmähte
es deshalb auch, dem Brauche der Humanisten folgend seinen Namen ins Griechische
zu übersetzen ("Gigas") oder zu latinisieren ("Risius"). In hohem Maße
trug der Rechenmeister zur Verbreitung der neuen indisch-arabischen Zahlenzeichen
bei, die in Verbindung mit dem Dezimalsystem das einfache und übersichtliche
Rechnen erlaubten, wie es uns heute selbstverständlich erscheint. Ries
ließ sich durch den noch im Mittelalter wurzelnden Widerwillen seiner
noch an die römischen Zahlen gewöhnten Zeitgenossen gegen die
neuen Zahlzeichen, insbesondere gegen die Null, nicht beirren, die wegen
ihrer Eigenschaft, eigentlich nichts zu sein und doch - je nach ihrer Stellung
eine Vervielfachung um eine Zehnerpotenz zu bewirken, als rechtes Teufels-werk
galt. Fleiß, Genauigkeitund Gewissenhaftigkeit waren hervorstechende
Eigenschaften des Meisters. Er führte deshalb auch, was damals noch
keines-wegs üblich war, nach klarer Stellung und verständ-licher
Lösung seiner Übungsbeispiele regelmäßig eine Probe
zur Überprüfung des errechneten Ergeb-nisses durch, und zwar ent
weder durch Verwendung, derjeweils entgegengesetzten Rechenart oder durch
die bereits geschilderte Neunerprobe. Er lehrte nicht nur, er lernte auch
selbst bis ins hohe Alter; er studier-te eifrig die vorhandene - meist lateinisch
abgefaßte - Mathematikliteratur, besuchte fremde Rechenschul-en, diskutierte
und korrespondierte mit Fachkollegen. Einmalig war und blieb seine Lehrmethode.
Die Rechenbücher sind aus seinem Unterricht hervorgegangen und dort
erprobt. Sie muten uns an, als wären sie nicht niedergeschrieben, sondern
als |
würden sie gesprochen, und
zwar stets in einfacher, durchwegs auch heute noch verständlicher Weise.
Seine in der "Practica" enthaltene Anleitung des Bruchrechnens in den vier
Grundrechnungsarten könnten durch ein modernes Lehrbuch nicht prä
ziser dargestellt werden. Sein im Geleitwort der "Practica" gegebenes Ver-sprechen
hat er in einzigartiger Weise erfüllt: "die Arith-metica (= Zahlenlehre)
also hell und klar an tag zu geben, das auch ein jeder, so (= der) nun den
blossen vorstand (= Verstand) zu zelen hab, sich leichtlich one sonderliche
Lehrmeister daraus richten (= unterrichten), dieselbige begreifen und nicht
geringen fromen darinnen schaffen möge". Als Hauptziel seines praxis-bezogenen
Unterrichts galt ihm, seinen Schülem die für den Alltag nötige
Fertigkeit zu vermitteln. Seine Auf-gaben sind deshalb meist dem täglichen
Leben ent-nommen; sie gewähren interessante Aufschlüsse über
die damaligen Wertverhältnisse, Warenpreise, Arbeits-löhne, Handel
und Wandel. Seine Lehrweise berück-sichtigt bis heute anerkannte didaktische
und päda-gogische Grundsätze: Er knüpft am Hergebrachten
(z. B. dem Rechnen auf dem Rechenbrett) an und baut darauf das Neue (z.
B. das schriftliche Rechnen), er dringt vom Konkreten zum Abstrak-ten vor
und steigt vom Einfachen zum Zusammenge-setzten auf, konsequent beachtet
er dabei den Grundsatz der immanenten Wiederholung. Bei alledem dürfen
wir uns Adam Ries nicht als einen harten, verknöcherten Lehrmeister
vorstellen, der, wie seinerzeit häufig anzutreffen, Angst und Schrecken
verbreitend mit der Rute hinter dem Schüler stand; er unterrichtet
vielmehr sowohl in seinen Schulen als auch in seinen Lehr-büchern entsprechend
seinem in der"Practica" (Vor-wort an den Leser) ausgesprochenen Grundsatz
so, daß ein jeder" nicht uberdrüssig werd zu lernen, son-dern
die (Rechenkunst) mit lust und fröhlichkeit begreiff-en möge".
Daß sein pädagogisches Geschick Früchte zeitigte, bezeugt
nicht nur die Tatsache, daß er zu einer Zeit. als die für die
Studenten der "Hohen Schul zu Wien" gelehrte Rechenkunst nur das arithmetische
Wissen bot, das heute schon von einem Zehnjährigen verlangt wird, bereits
mit "eynem knaben bey eylffjarn", Heinrich von Elterleins Sohn, quadratische
Gleichung-en mit mehreren Unbekannten rechnen konnte, son-dern vor allem
auch der Umstand, daß seine als ein-malig geltenden Bücher un-gewöhnlich
viele Auflagen erfuhren und noch lange nach seinem Tode nachge-ahmt und
nachgedruckt wurden. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Adam Rieses Rechenbücher
als Lehrmittel in den Schulen verwendet, und auch die nachfolgenden Werke
bauten noch auf ihnen auf. Berühmte Fachkol-legen des Rechenmeisters
bezeichneten seine Auf-gaben neidlos als "schön decla-riret", ja "holdselig",
und der Nürnberger Mathematikprofessor Doppel-mayr schrieb im Jahre
1730: "Man achtete (das Rechenbuch) vor (= für) gar künstlich,
daß man sagte, wer Riesens Exempla solviret (= die Aufgaben gelöst
habe), der soll für einen Meister der Rechenkunst gelten". Der FrankeAdam
Ries war in der Tat der "Rechenlehrer des deutschen Volkes "im 16. und 17.
Jahrhundert. Als Wegbereiter des Neuen und Werdenden wirkte sich sein Einfluß
über ganz Deutschland aus und weit über seine Grenzen; sein Ruhm
überdauerte vier Jahrhunderte. Zu Recht gebührt auch heute noch
diesem großen Staffelsteiner der ehrende Beiname "Vater der Rechenkunst".
Am 30. März 1559 beendete der Tod das bis zuletzt von Arbeit erfüllte
und von Zahlen geprägte Leben des Rechenmeisters. Ein kurfürstlicher
Brief vom 3. April 1559 an den Zehntner zu Annaberg enthält die traurige
Kunde. Über sein Ableben und seine letzte Ruhestätte ist uns leider
nichts Näheres überliefert; die Umstände seines Todes sind
ebenso wie seine Geburt und frühe Jugend im Dunkel der Vergangenheit
verhüllt. Seine Persönlichkeit und sein Werk leuchten gleichwohl
durch die Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart. |
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Die Staffelsteiner haben den großen Rechenmeister,
der ausgerechnet in seiner Geburtsstadt bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
in Vergessenheit geraten war, im Jahre 1874durch Anbringen einer Gedenktafel
am Rathaus geehrt - , sie wurde im Jahre 1959 anläßlich der
400. Wiederkehr seines Todestages durch ein vom Münchener akademischen
Bildhauer Potzler geschaff-enes Relief ersetzt. (Abbildung 5) Ferner benannten
die Stadtväter - vermutlich in den dreißiger Jahren - nach
ihm eine Straße und schließlich im Jahre 1965 die neue Staffelsteiner
Volksschule - wohl die sinnigste, gleich zeitig aber auch verpflichtendste
Ehrung. Nicht nur in der Fremdenverkehrswerbung, sondern auch im täglichen
Sprachgebrauch hat sich Staffelstein stolz den Beinamen Adam-Riese-Stadt"
zugelegt. Dies alles läßt hoffen, daß auch künftige
Geschlechter des großen Sohns ihrer Heimatstadt gedenken und vielleicht
sogar die in verschiedenen seiner Rechenbücher ausgesprochene ernste
Mahnung hören: "In Zal, in mas, und in gewicht, all Ding von Gott
sind zugericht. Ein mensch, dem zal verborgen ist, Leichtlich der verfürt
wird mit list, das nimm zu hertzen, bitt ich sehr, Und jeder sein kind
rechen ler Wie er sich gegen Gott und welt verhalt, So werden wir in ehren
alt."
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